Tornado bei Magdeburg an der Kaltfront von 11. September 2011

 

Im September, dem zuverlässigen Schönwetter – und Reisemonat, sind Spätsommer und Frühherbst vereint. Und: „Erst im September ist der Herzschlag des Sommers zu spüren...“

 

Unbestreitbar ist, dass der September angenehme wie unangenehme Seiten gezeigt hat und dass der mehr als freundliche Monatsausgang mit klassischem Altweibersommer den Unwettergeschädigten kaum Trost hat geben können. Die Verwüstungen, welche beim Durchgang der Kaltfront am späten Nachmittag und Abend in Sachsen-Anhalt und Thüringen angerichtet wurden, werden in Millionen Euro gemessen, die Zerstörungen an Wohnhäusern und Wirtschaftsgebäuden sind Legion, Windbruch, abgeschwemmtes Ackerland, beschädigte Autos, Störungen im Bahn – und Straßenverkehr, voll gelaufene Keller, schwere Schäden am Baumbestand wurden von der Stiftung Kulturstädten in Wörlitz und Oranienbaum gemeldet; Im Anhang dieses Rückblicks findet der interessierte Leser eine

 

Aufzählung, die von www.mz-web.de in den Tagen nach dem Ereignis ins Netz gestellt hat.

Der Monat beginnt leicht unterkühlt, wir entsinnen uns: Die letzten Augusttage waren deutlich zu kalt gewesen, aber schon der dritte und vierte September bringen fast hochsommerliche Temperaturen. Sehr einheitlich um die 28,5 Grad ist die höchste Temperatur des Monats an diesem Tage zu finden, nur auf Jessens Weinbergen geht das Maximum auf über 30 Grad.

Der Zustand hält nicht lange an, Abkühlung und ergiebige Niederschläge bis zum 8. September. Das Drachenfest-Wochenende, zum 11. Male auf den Elbwiesen, geht mit durchaus freundlichen bis sommerlichen Temperaturen über die Runden, wenn auch der Wind am Sonnabend, dem 10. September ein bisschen verhalten war, nur 1,1 m/s, das sind mal gerade Bft. 1 im Windmittel, was für die ganz großen Kaliber unter den Drachen nicht gereicht hat, der Sonntag hat da Einiges gutgemacht.

 

Weniger gut der Kaltfrontdurchgang, welcher am Abend des 11. September nicht nur Wittenberg ereilte. Gegen 17:00 Sommerzeit ist auf dem Radarbild des Wetterdienstes zwischen Braunlage, Nordhausen und Sangerhausen der erste Hinweis auf stärkere Niederschläge zu erkennen, eine Stunde später liegt die Superzelle zwischen Magdeburg, Bernburg, Calbe und Halle, nunmehr deutlich in Nord-Süd-Richtung formiert. 30 Minuten später ist Dessau bereits überquert, in Apollensdorf und Piesteritz beginnt leichter Regen, Coswig und Griebo dürften die ersten Hagelkörner abbekommen haben. 18:35 Uhr MESZ erreicht die Front Wittenberg, Wittenberg-West liegt unter Hagelschauern, weitere fünf Minuten später sind Reinsdorf und Braunsdorf erreicht, in Mühlanger setzt Starkregen ein.

Der starke Hagel bleibt auf das Areal nördlich von Wittenberg beschränkt, die Superzelle zieht nach Nordosten ab und erreicht gegen 19:00 MESZ Luckenwalde. Begleitet wird das Spektakel von einem gewaltigen Gewitter, leider kennt die Gewitterskala der Wetterfrösche nur drei Intensitätsangaben, die Skala sollte noch um mindestens zwei Stufen erweitert werden, Gewitter hoch vier wäre nicht übertrieben gewesen. DWD-Angaben zufolge sind zwischen 18.00 und 19.00 Uhr in einem Streifen von Wittenberg über Dessau, Wolfen, Halle, Torgau bis Leipzig 16.897 Blitze registriert worden.

 

Über die Größe des gefrorenen Wassers gibt es verschiedene Angaben. In Braunsdorf sind tennisballgroße Hagelkörner beobachtet worden, ca. 90 min nach dem Ereignis sind in selbigem Orte Körner mit einem Durchmesser von 3,5 bis 4 cm fotografiert worden, im Mansfeldischen will man kaffeepottgroße Hagelstücken gesehen haben.

Die Windgeschwindigkeiten beim Durchgang der Kaltfront lagen bei 21 bis 23 Metern in der Sekunde, leichter vorstellbar sind 75 bzw. 84 km/h, das sind Windstärken von 9 Bft. oder STURM gewesen. Für Dessau liegt eine Meldung einer Windbö von 29 m/s vor, das wäre Windstärke 11.

 

Gleichfalls nicht unerheblich waren die Mengen an Wasser, die in relativ kurzer Zeit vom Himmel gefallen sind. In den ersten 20 Minuten des Kaltfrontdurchgangs sind von 18:40 Uhr SZ bis 19:00 Uhr MESZ in Wittenberg und Mühlanger sehr einheitlich 18,7 bzw. 18,5 Liter auf den Quadratmeter gefallen. In der folgenden Stunde kommen in Wittenberg und nördlich davon nochmals 20 Liter zusammen, Mühlanger bringt`s auf nur 6,8 Liter. Bis Mitternacht sind es für Wittenberg – Teuchel 46,5 Liter, in der Gagfah – Siedlung sind es 43 Liter, Mühlanger kriegt mit 36,5 Litern etwas weniger.

 

An diesem Abend fallen einheitlich bei fast allen Wasserfröschen die größten Mengen des Monats, Ausnahmen gibt’s immer, Pretzsch und Söllichau melden den 4. September als Tag mit der größten Niederschlagsmenge, in Jessen und Axien war’s der 18. Die Spanne der gefallenen Mengen reicht von knapp acht Litern in Jessen bis zu knapp 47 Litern für Wittenberg. Wobei das Areal zwischen Gräfenhainichen, Oranienbaum, Coswig, Seegrehna, Eutzsch, Wittenberg, Abtsdorf, Zahna und Straach mit Mengen zwischen 32 und 47 Litern auf den Quadratmeter die größte Schurre abgefasst hat.

 

Die Wirkung dieser großen Wassermengen in kurzer Zeit waren mindestens in Rahnsdorf, Reinsdorf und Braunsdorf zu erleben. Zwischen Wergzahna und Rahnsdorf wurde ein Teil des Ackers fortgespült, in Braunsdorf floss der Sand vom Gallun auf die Kreuzung am, der Rischebach schwoll an und drohte Reinsdorf zu überfluten, weil der Einlauf des Baches nördlich des Ortes zu verstopfen drohte und durch die Feuerwehr beräumt werden musste. in allem nicht sehr erfreulich, dennoch kein Vergleich mit den Tornado-Schäden im Salzlandkreis, die sind im Anhang aufgeführt.

 

Der 11. war der zweitwärmste Tag des September mit 28,3 °C, derartige Temperaturen werden bis zum Monatsende nicht mehr erreicht, die Maxima dümpeln bei 18 bis 23 Grad herum, ab dem 30. will es der Sommer wissen und leitet eine siebentägige Phase mit sehr milden, zeitweise sommerlichen Temperaturen ein. Gleichwohl, davor wird es noch richtig frisch, am 24. gehen die Temperaturen in der Nacht auf fünf Grad herunter, in Mühlanger auf weniger als vier Grad, das E-min erreicht 2,5 Grad.

 

Nicht nur in Bezug auf das Unwetter vom 11. war der September etwas aus den Fugen geraten. Das Monatsmittel liegt für Wittenberg bei exakt 14,0 Grad im viel zitierten 30-jährigen Zeitraum von 1961 – 1990, die Mittlere Abweichung für diesen Monat beträgt 1,1 Grad, die Monatsmitteltemperatur lag in diesem Monat an der Referenzstation Wittenberg – Teuchel exakt 1,8 Grad über der Norm, für Annaburg, Pretzsch und Jessen – Ost liegen die Verhältnisse ähnlich. Mühlanger fällt aus der Reihe und hat nur einen Temperaturüberschuss von 1,1 Grad. Also Mühlanger normal, an den übrigen Stationen war es zu warm. Kein Wunder bei fünf Sommertagen, normal wären zwei gewesen.

Ohne das viele Wasser am 11. wäre der Monat wie in Söllichau, Pretzsch und Jessen nur als ganz normal verbucht worden. Bei nur neun Tagen mit messbarem Niederschlag im Revier wären kaum derart hohe Summen kaum zustande gekommen. (siehe auch Grafik)

 

Das Fazit: Die Sonnenscheindauer lag mit 205 Stunden in Wittenberg bei 137 Prozent – über Normal. Wasser: Im Flächenmittel aller 24 Beobachter 175 Prozent – weit über normal. Die Zahl der Tage mit Niederschlag > 10 mm: Je nach Station zwei bis vier – über normal. Vier Tage mit Gewitter: Über Normal. Fünf Sommertage: Weit über normal. Monatsmitteltemperatur: Deutlich über Normal.

 

Wetterstation Mühlanger

Achim Kuhn

 

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