Das Jahrhunderthochwasser an der Oder
-Chronologie einer Hochwasserkatastrophe-

 

Die ersten Hochwassermeldungen kamen Anfang des Monats. Ursache für die ergiebigen Niederschlage war eine sogenannte Vb - Wetterlage, wobei das Tief etwa nordöstlich von Italien liegt. Die Luft nimmt hierbei einen Umweg über das östliche Mittelmeer. Die aus der Sahara stammende heiße Luft tankt hierbei über dem Mittelmeer Unmengen an Wasser, da heiße Luft einen hohen Sättigungsdampfdruck hat und der Taupunkt sehr niedrig ist. Diese Luft gelangt mit einer Nordost-Strömung nach Mitteleuropa, wo sie dann auf wesentlich kühlere Luftmassen vom Ural trifft. Die feuchte Luft gleitet auf die kalte Luft auf und kühlt sich ab. Bei dieser Konstellation wird sehr viel Wasserdampf freigesetzt. Deshalb entstehen bei dieser speziellen Wetterlage auch sehr großräumige Starkniederschlagsfelder , wie in diesem Fall. Mit einer Westströmung kann das Niederschlagsgebiet dann auch nach Deutschland übergreifen.  Die erste Vb -Lage entstand Anfang des Monats. Die Gebirgskette zwischen Polen und Tschechien verstärkte noch den Aufgleiteffekt. 
 

4. bis 9. Juli:
So gingen bis zu 595 mm Regen im Altvatergebirge nieder. In Polen und Tschechien stehen Tausende von Häusern unter Wasser. Aus Angst vor Plünderungen bleiben viele Menschen und fallen den Fluten zum Opfer. Insgesamt waren bis zum 15. Juli 65  Opfer zu beklagen.
Vom 4. bis zum 8. fielen folgende Mengen:
Lysa Hora (CZ)  415 mm, insgesamt innerhalb von 5 Tagen 580 Liter,
Altvater  (CZ)  359 mm
Schneekoppe (CZ) 234 mm
Ratibor  (PL)  197 mm
Lilienfeld (A) 195 mm
Ostrava (CZ)  186 mm
Cervena (CZ)  184 mm
Mariazell  (A)  178 mm
Wien (Hohe Warte ) (A) 177 mm
Jelina Gora  (OL)  175 mm.
10. Juli
Ein drittel Tschechiens stehen unter Wasser. In Polen sind 40000 Menschen obdachlos, die Deiche bei Oppeln brechen. Für die Oderregion um Frankfurt wird noch nicht mit einer Flutkatastophe gerechnet. 
11. Juli
Mähren auf tschechischer Seite und Schlesien auf polnischer Seite stehen nach anhaltendem,ergiebigen Dauerregen unter Wasser. Mindestens 26 Menschen kamen bisher in den Fluten um. Strom und Gasversorgung brachen zusammen. In Ostrau sind bisher 570 mm Regen gefallen. In Polen sind 35000 ha geflutet. Viele Einwohner wurden gar nicht bzw. zu spät gewarnt. In Schlesien hatten sich die Menschen auf nur kleine Überschwemmungen eingestellt. Deshalb blieben viele in ihren Häusern und wurden so von den Fluten überrascht. Die Menschen retteten sich auf Dächer und Bäume. Vielerorts stieß man besonders bei den Älteren auf Widerstand bei der Evakuierung aus Angst vor Plünderungen. Erschwerte Rettungsarbeiten aus Mangel an Gerätschaften. 
12.  Juli
Ende des Dauerregens in Tschechien führt in den Katastrophengebieten zur leichten Entspannung. Drei Polder bei Schwedt in der Uckermark werden aus Vorsorge vor der Flutwelle geflutet. Es wird weiterhin mit nur einer kleinen Flutwelle gerechnet. Am 6. Tag der Flut steigt die Zahl der Todesopfer auf 55. 
13. Juli
Die Flutwelle erreicht Breslau. Die Versorgung mit Strom, Wasser und Telefon brach zusammen. Ursprünglich sollte vor Breslau der Deich gesprengt werden. Dagegen hatte sich aber die Dorfbevölkerung erfolgreich gewehrt.  Das THW brachte Wasseraufbereitungsanlagen nach Breslau und Oppeln.  
14. Juli
In Polen und Tschechien sind bereits 65 Menschen den Fluten zum Opfer gefallen. Breslau steht weiterhin unter Wasser. Frankfurter erwarten die Flut. Die Kaimauer könnte überspült werden und Ufernahe Stadtbereiche unter Wasser setzten. Uferbereiche werden mit Sandsäcken abgedichtet. Slubice wurde weitestgehend evakuiert. Das Wasser stiegt täglich um 30 Zentimeter.
15. Juli
Bei 5,30 muß die Alarmstufe III, bei 5,78 die Stufe VI ausgelöst werden (Höhe der Kaimauer). Es werden 6,60 m erwartet. Polen schließt erste Grenzübergänge. Auf deutscher Seite sind 1500 Deichläufer unterwegs.
16. Juli
In Ratzdorf steigt der Wasser über den Deich. Pegelstand 6,12 m. In Frankfurt sind noch 1,75 m bis zur Kaimauer frei. Der Pegel steht bei 3,96
17. Juli
Oderhochwasser kommt schneller als erwartet. In Ratzdorf mußten die Schutzwälle erhöht werden. Das Hochwasser soll heute bereits Eisenhüttenstadt und Frankfurt/Oder erreichen. Das Wasser steigt um 5 cm pro Stunde auf 4,40 m. Mit einer Verschärfung der Lage wird gerechnet , da zum Wochenende Regenfälle erwartet werden. In Angermünde gab es schon 15 Liter ,in Grünow 12 und Angermünde 15 Liter Niederschlag
18.Juli
Die Lage in der Oder-Region spitzt sich weiter zu. In Frankfurt wurden bei einem Pegelstand von 6,60  500 m Uferpromenade überspült. Die Deiche in Slubice halten, die Evakuierung der 17000 Einwohner wird fortgesetzt. In Grünow fielen 21, in Angermünde 32und in Manschnow 14 Liter Regen.
19. Juli
In Tschechien wird der Jahrhunderthöchststand zum zweiten mal innerhalb von 10 Tagen übertroffen. In Frankfurt machen Hochwassertouristen das Leben schwer . Sie behindern die Sicherungsarbeiten und machen sich teilweise lustig. Die ersten Häuser stehen im Wasser. Gullydeckel werden abgedichtet. Zweite Hochwasserwelle wird erwartet. Überall werden die Sandsackwälle verstärkt. 

20. Juli
Lausitzer Neiße stieg im Verlaufe eines Tages um 2,56 m. Bei steigenden Pegeln und Dauerregen steigt die Gefahr, daß die durchgeweichten Deiche den Wassermassen nicht mehr standhalten. Regenfälle in Südpolen, die zweite Vb - Wetterlage in 2 Wochen, läßt eine zweite Flutwelle befürchten. In der Oderregion gab es in den letzten 3 Tagen zwischen 70 und 80 Liter regen , die den Damm von oben her aufweichen. Behörden treffen Vorbereitungen zur Evakuierung von 19000 Menschen aus dem Oderbruch. Mehrere 10000 Helfer bleiben in Alarmbereitschaft. An den Deichen werden Sickerstellen entdeckt. Dauerregen übers ganze Wochenende.
21. Juli
Bundeswehr unterstützt Ratzdorfer beim Bau von Sandsackbarrieren. Erste Evakuierungen in Frankfurt.

22. Juli
Erste Evakuierungen in Ratzdorf. Odernahe Häuser mußten geräumt werden. In Brieskow-Finkenherd spaltet sich ein Deich. In Eisenhüttenstadt wird ein Deichrutsch gestoppt. Kanzler Kohl besucht die Krisenregion. Die Ortschaften Aurith, Kunitzer Loose und Thälmannsiedlung werden geräumt. Im Oderbruch werden die Viehbestände ins sichere Hinterland gebracht. Der Regen hat aufgehört. Vermehrt müssen Sickerstellen abgedichtet werden. 
23. Juli
Bei Brieskow-Finkenherd Auf einer Breite von 250 Metern strömt das Wasser mit einer
 Geschwindigkeit von 500 Kubikmetern Wasser pro Sekunde in die Ziltendorfer Niederung . Ratzdorfer kämpften trotz Räumungsbefehl weiter um jeden Zentimeter.
24. Juli
12 km Dammlinie in der Ziltendorfer Niederung wurden aufgegeben. Die Ortschaften Ziltendorf, Aurith und Wiesenau OT Thälmannsiedlung stehen bis 2,50 m unter Wasser. Bundeswehr stockt auf 8300 Mann auf. Hilfsbereitschaft wird zum Problem : Einsatz und Versorgung von 14000 Mann muß koordiniert werden.

25. Juli
Bei Hohenwutzen rutscht an zwei Stellen der Deich ab. Das gesamte Oderbruch mit 19000 Menschen ist in Gefahr. 29 oderhahe Ortschaften werden evakuiert. Der Ziltendorfer Deich bricht in sich zusammen. In Hohenwutschen werden mit Bundeswehrhubschraubern Sandsäcke abgeworfen , um den Deichrutsch zu stabilisieren. 
26. Juli
Die Wassermassen in der Ziltendorfer Niederung brechen durch einen Hinterlanddeich teils zurück in die Oder, was zum erneuten Anstieg des Pegels in  Frankfurt führt. Fast 5000 Menschen aus dem unterem Oderbruch sind evakuiert. 
27. Juli
Im Oderbruch werden die sogenannten "Schlafdeiche" entlang der "Alten Oder" als zweite Verteidigungslinie ausgebaut. Das in die Oder zurückströmende Wasser läßt die Pegel in Frankfurt bis fast zur Deichkrone auf 6,60 m anwachsen. Südlich von Frankfurt zwischen Brieskow-Finkenherd und Eisenhüttenstadt wurden erstmals Ölschlieren auf dem Wasser  gesichtet. Das Öl stammt aus auslaufenden Fahrzeugen, die unter Wasser stehen. 
28.Juli
Der Deichrutsch bei Hohenwutzen reißt erneut auf. An der Erhöhung der Schlafdeiche im unteren Oderbruch wird fieberhaft gearbeitet. 13000 Helfer sind jetzt im Einsatz. In Ziltendorf wird weiter gegen die Fluten gekämpft. Obwohl alle Hilfskräfte abgezogen worden waren, man hatte den Ort bereits aufgegeben, bauten sich die Einwohner ihren eigenen Deich, ohne dem schon viele Gehöfte unter Wasser stehen würden. Polizei fährt verstärkt Streife mit dem Schlauchboot, um Plünderungen vorzubeugen. Erste Impfungen gegen Seuchen , wie Typhus und Hepatitis sind angelaufen. Kanzler Kohl erneut in der Region und besucht Ratzdorf.
29. Juli
Immer mehr Sickerstellen in den Deichen des Oderbruchs. Hoffnung wird auf den Schlafdeich entlang der Alten Oder gesetzt. Druck des Wassers beträgt jetzt bis zu 8 Tonnen auf einem Quadratmeter Deich. Südliche Deiche sind 
stabiler, da der Lehmanteil höher ist. Sorgen machen die nördlichen Deiche bei Hohenwutzen. Diese sind inzwischen so instabil wie Wackelpudding. Beim Brechen der Schlafdeiche wäre einen Fläche von 650 km² überflutet.

30. Juli
In der Ziltendorfer Niederung sind 7500 Hektar Land überflutet, indem die gesamte Ernte vernichtet wurde. Bauern sollen mit 1000 DM/ha entschädigt werden. Viehherden dagegen konnten alle in Sicherheit gebracht werden. Nun wird aber das Futter knapp. Bis jetzt sind 5000 Menschen geimpft. Im Oderbruch versucht man zu retten, was möglich ist, und so arbeitet man an der Einbringung der Ernte. Zwischen Hohenwutzen  und Neurüdnitz nördlich von Frankfurt/Oder ist erneut der Deich auf einer Länge von 50 Metern abgerutscht. Die Hilfskräfte und die Bundeswehr versuchen ,die schadhafte Stelle auszubessern. 650 Menschen wurden vorsorglich aus diesem Gebiet evakuiert. 
31. Juli
Chances, das die Deiche halten, liege zur Zeit bei etwa 20 %. so der Umweltminister Brandenburgs , Matthias Platzeck. An den schadhaften Stellen wird fieberhaft weitergearbeitet. Taucher der Deutschen Lebenrettungsgesellschaft befestigen von der Wasserseite aus Folienplanen am Deich, um ein weiteres Durchweichen zu verhindern. Spürbare Entlastung sei erst zu erwarten, wenn der Pegel um mindestens einen Meter fiel. Inzwischen haben im nördlichen Oberbruch 2900 Menschen ihre Häuser verlassen. Eine 300 lange Deichabrutschung südlich von Reitwein konnte gestoppt werden. 
01. August
Kampf um jeden Zentimeter des Deiches. Bei der Sicherung der Deiche besteht für die 4000 Soldaten höchste Lebensgefahr. Nach stundenlangem heranbringen von Sandsäcken mittels Bundeswehrhubschraubern konnte der Riss bei Hohenwutzen versiegelt werden. Die Chance, die Deiche zu halten sankt auf 5 bis 10 %. Deshalb grenzt es inzwischen an ein Wunder, das sie halten. Die Schlafdeiche im Hinterland werden auf 8,5 m erhöht. Inzwischen wurden 5000 Menschen angewiesen, ihre Häuser zu verlassen. 
02. August
300 Landwirtschaftsbetriebe sind bisher von der Flut betroffen. 11 000 ha Acker stehen unter Wasser. 47 000 Tiere wurden evakuiert. Es ist von einem Schaden von über 1 Mrd. Mark auszugehen. Bedroht bei weiteren Deichbrüchen sind 68 000 ha Land. Ohne Hilfe drohe die Pleite.
03. August
Die Hochwasserlage hat sich etwas entspannt. Man verzeichnet leicht fallende Pegelstände. Der Wasserdruck nahm endlich ab. Bei Ratzdorf geht man noch von 4,5 Tonnen pro m² aus. Für eine Entwarnung sei es aber noch zu früh! Berlin schickt 1000 Beamte zur Deichsicherung an die Oder. Experten raten von einer Neubesiedlung der Niederungen ab. In Ratzdorf werden die ersten Sandsäcke abtransportiert. Hoffnung kommt auf.04. August
Eine Welle von Spenden und Hilfsbereitschaft geht durch Deutschland. Viele Fernseh- und Rundfunkanstalten rufen zur Spende auf, veranstalten Benefizgalas. Namhafte Unternehmen stellen Sachspenden in Millionenhöhe zur Verfügung. Beim Bau des Schutzdeiches bei Reitwein stieß man auf Fliegerbomben, die Anschließend entschärft wurden. 
05. August
Die Bundeswehr ist mit 15000 Soldaten rund um die Uhr an den aufgeweichten Deichen im Einsatz. Bisher wurden 8 Mio Sandsäcke verbaut. Die Reitweiner Bevölkerung behinderte die Hilfskräfte, die einen 4 m hohen Querdeich aufschütten sollten. Man befürchtete eine Flutung des Gebietes. Man einigte sich auf 2 m Höhe. Die Pegel fallen jetzt um 1 cm pro Stunde. Der Bund beschließt ein Hilfs- programm in Höhe von etwa 500 Millionen Mark.

06. August
Evakuierte der Oderbruchregion können teilweise wieder zurück. Die Aufräumarbeiten laufen auf Hochtouren. Die Bundeswehr wird bis in den Herbst dabei helfen. Trotz sinkender Pegelstände will der Krisenstab noch keine Entwarnung geben. Die Gefahr sei noch nicht vorüber, da es jederzeit  noch zum Brechen der aufgeweichten Deiche kommen kann. Der Druck ist immer noch recht hoch. So müssen die Deiche für das Winterhochwasser bis November wieder in Ordnung gebracht sein.

 

07. August
Reparatur der Deiche wird etwa 130 Mio Mark kosten. Die Wasserstände sinken und geben die ersten stinkenden verschlammten Wiesen wieder frei. Erste Bodenproben werden genommen. Die Evakuierungsanordnungen werden weitestgehend aufgehoben. Zunächst sollen 3000 Arbeitslose beim Aufräumen helfen.
08. August
Die Pegelstände sinken jetzt überall. Kritisch bleibt es noch im Oderbruch. Am 13. September wollen die Ratzdorfer gemeinsammit ihren Helfern den siegt über das Jahrhunderthochwasser feiern. Es soll das größte Fest des Dorfes werden. Gerade jetzt wäre beinahe ein Aurither uns Leben gekommen, als er im Wasser umknickte. Die Feuerwehr konnte ihn retten. 
09. August
Im Hochwassergebiet scheint die Lage jetzt gebannt. Angesichts sinkender Wasserstände hebt der Landkreis Märkisch-Oderland die Evakuierungsanordnung für das nördliche Oderbruch auf. 5200 Flüchtlinge können dort in ihre Häuser zurückkehren.

 

Pegelstände verschiedener Standorte zum Oderhochwasser

 

10. August
Mit einer Gedenkminute haben gestern Abend in Frankfurt mehr als 1000 Soldaten der Flutopfer in Polen und Tschechien gedacht.  Es wurde mit den Aufräumungsarbeiten begonnen.  Ziltendorfer Niederung steht noch 1,50 bis 2 Meter unter Wasser. 
11. August
Für das Oderbruch wurde die Hochwasser-Alarmstufe  4  aufgehoben. In der Ziltendorfer Niederung befinden sich noch rund 100 Millionen Kubikmeter Wasser. Rund 200 Häuser sind beschädigt.  Weiterhin sind Straßenschäden von ca. 130 Mio Mark entstanden. Oder-Flut muß Konsequenzen haben.  Vom BUND wird der Stopp des weiteren Ausbaus von Flüssen und deren Versiegelung der ufernahen Flächen gefordert. 
12. August
Nach 26 Tagen Hochwasser ist die Gefahr gebannt.  Inzwischen nehmen die Auseinandersetzungen über die Vergabe der Hilfsgelder zu...


Wetterstation Jänickendorf  Marco Ringel 

Zurück